Schauermannspark ohne_klein

Bericht aus Hamburg: Ein Gastbeitrag von Konrad Lorenz

Der Anfang meines autobiografischen Romans Rohrkrepierer ergab sich eher zufällig: Zum Weihnachtsfest wird in meiner Familie „Julklapp“ praktiziert, d.h., es muss nur eine ausgeloste Person beschenkt werden. Die sollte man dann aber auch mit einer zusätzlichen, selbstgemachten Kleinigkeit überraschen.
So entstand meine Weihnachtsgeschichte „Phantomschmerzen“, die später zum ersten Kapitel des Romans wurde.
Plötzlich hörte ich wieder die Stimmen meiner Großmutter und meiner Mutter, wenn sie miteinander zankten, hatte unsere jugendlichen Schnacks im Ohr und unsere aus der Gefangenschaft heimkehrenden, dumpfen Väter vor Augen.
Eigentlich wollte ich von meiner Kindheit auf dem Kiez nichts mehr wissen, war als junger Kerl zur See gefahren und nie wieder nach St. Pauli zurückgekehrt. Doch nun begann sich der Küstennebel meiner Erinnerungen so nach und nach zu lichten. Ich musste gar nicht viel recherchieren, sondern konnte gleich losschreiben.

06_Autor_Freunde

Der Verlag organisierte die ersten Lesungen auf dem Hamburger Kiez im St. Pauli-Museum und in einer Kneipe in der Talstraße namens „Makrele“, die es heute leider nicht mehr gibt.
Das Museum war nur mäßig besucht. Vorne, in der ersten Reihe, saß eine ältere Frau, die mich immer wieder angrinste. Sie entpuppte sich als Liselotte, meine erste Liebe aus dem Roman und aus dem Leben. Wir hatten uns über 60 Jahre nicht gesehen. Sie schickte gleich ihre Enkelkinder zur zweiten Lesung in die „Makrele“, die nun schon sehr viel besser besucht war.
Von den dortigen Stammgästen hatte ich mir durch einen vorherigen Besuch ein Bild gemacht und war sehr verunsichert. Früher konnte man die Leute in „Rocker“, „Exis“ oder „Gruftis“ einordnen. Heute liefen sie fast alle verkleidet, gepierct und tätowiert herum. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich diese Typen für meine alten St. Pauli-Geschichten interessieren würden.
Aber genau das war der Fall. Und hinterher kam es zu einer angeregten Diskussion darüber, ob sich in Punkto Sexualität auf dem Kiez tatsächlich viel verändert habe.
Es folgten Lesungen im „Silbersack“, im „Kölibri“, also auf dem Hein-Köllich-Platz, auf dem ich aufgewachsen bin und in der St. Pauli-Kirche, in der ich getauft und konfirmiert wurde. Das hatte zur Folge, dass ich lieber auf dem Kiez las, als z.B. im „Literaturhaus“ (was auch geschah). Die Zuhörer auf St. Pauli sind mehr an den Inhalten als an der literarischen Umsetzung interessiert, Fragen und Bemerkungen sind direkter und von der Neugier nach dem Leben, auch nach dem ehemaligen, bestimmt.
In der „St. Pauli-Kirche“ gibt es einmal im Jahr ein „Veteranen-Treffen“, zu dem ehemalige St. Paulianer eingeladen werden, die dann von überall herkommen, sogar aus dem Ausland. An solch einem Tag war auch ich zu einer Lesung eingeladen. Danach staunte ich, wie viele der Alten das große Wiedererkennen einforderten: „Mensch, Jung, ich hab doch in der dritten Klasse bei Frau Iversen direkt hinter Dir gesessen!“ Dabei lagen auch hier über 60 Jahre dazwischen.

Lesung

Nach der Lesung im „Kölibri“ sprach mich Isabel Kreitz an, d.h. es war eine Freundin, von der sie begleitet wurde, denn sie ist eine eher zurückhaltende und scheue Künstlerin. Sie wollte eine Graphic Novel (früher haben wir „Comic“ und zur Zeit der Romanhandlung „Bildergeschichten“ dazu gesagt) vom „Rohrkrepierer“ machen.
In den nächsten drei Jahren habe ich mich oft mit ihr in einem der Lokale auf dem Hein-Köllisch-Platz getroffen. Ich habe alte Fotos mitgebracht, wir saßen unter freiem Himmel und ich habe von der Nachkriegszeit erzählt. Und ich musste an meine Großmutter und an meine Mutter denken: Nie hätten die sich träumen lassen, dass dieser Platz einmal verkehrsberuhigt und mit blühenden Bäumen einen Pariser Charme entwickeln würde.
In den letzten Tagen ist der Graphic Novel-Rohrkrepierer bei Carlsen erschienen. Und wieder haben wir bei den sich daraus ergebenden Interviews mit der Presse vor dem „Geyer“ auf diesem schönen Platz gesessen.

Am Millerntor im Rockin’ Restaurant „Zwick“ habe ich bei einer Feier das Trio Hafennacht gehört und mich sofort in ihre melancholisch-ironischen Interpretationen der alten Hafenlieder und der eigenen Texte verliebt. Ich gab der Sängerin Uschi Wittich den „Rohrkrepierer“, woraus sich eine Zusammenarbeit entwickelte, deren Ergebnis ein gemeinsames Programm von Lesung und Musik wurde: „Tresenkönigin“.

Dieses Programm haben wir u.a. in der „St. Pauli-Kirche“, im Hafen auf der MS Bleichen und am Baumwall auf der Flussschifferkirche aufgeführt. Und da es sehr gut ankam, habe ich mit der Musik von „Hafennacht“ ein Musical daraus gemacht.
Das Stück spielt in den 60er Jahren in unserer Stammkneipe bei „Tante Hermine“, gegenüber der „Fähre VII“. Es handelt von der ersten Liebe im Spektrum zwischen dem unschuldigen Verliebtsein und dem Besuch in der Herbertstraße. Und darüber wacht in ihrer kompakten Art Hermine Hansen, die Tresenkönigin: arthritisch, ironisch, plattdeutsch.

Tante Hermine_schild

Und wie es der Zufall und das Kiezleben so wollen, schrieb das Schmidt-Theater im Nov. 2014 einen Wettbewerb aus: CREATORS, neue Musical braucht das Land!
Wir waren einer von ca. 150 Bewerbern und schafften es tatsächlich ins Finale.
Das bedeutet, dass wir Mitte Okt. 2015 mit vier anderen Finalisten vor einer Jury (die den Gewinner bestimmen wird), vor zahllosen Theatermachern (die das Stück übernehmen sollen) und vor dem Hamburger Publikum einen einstündigen Auszug unseres Stückes „Tresenkönigin“ im „Schmidt-Theater“ präsentieren werden. Dafür proben wir im Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld. Unsere Räume liegen im fünften Stock, und in den Pausen gehe ich aufs Dach und habe einen weiten Blick über den Kiez bis hinüber zur Elbe.

Damit hat sich der Kreis geschlossen.
Dieser Bunker war am Ende des zweiten Weltkriegs einer der sichersten Orte auf St. Pauli. Wenn genug Zeit blieb, machten wir uns bei Fliegeralarm auf den Weg dort hin: meine Oma, meine Uroma in der Kinderkarre (sie konnte nicht mehr schnell laufen) und ich auf dem Arm meiner Mutter. Ich glaube mich daran zu erinnern.

Aber vielleicht sind es auch nur die Geschichten, die man mir darüber erzählt hat. So wie es jetzt meine Geschichten sind, die ich im „Rohrkrepierer“ festgehalten habe, und die wir hier, in diesem Bunker dramaturgisch aufbereiten, um sie dem Hamburger Publikum und den Theater- und Musicalmachern vorzustellen, möglichst unterhaltend und doch authentisch über meine Nachkriegsjahre an St. Paulis Küste.

Das Team des Musicals „Tresenkönigin“
Termine:
  • Buchreleaseparty „Rohrkrepierer“ als Graphic Novel von Isabel Kreitz  am Mittwoch, den 23. September 2015, um 19 Uhr im Silbersack (Silbersackstr. 9 – 20359 Hamburg). Der Eintritt ist frei.
  • Buchpräsentation „Rohrkrepierer“ als Graphic Novel von Isabel Kreitz am Donnerstag, den 1. Oktober 2015, um 20 Uhr in der St. Pauli-Kirche (Pinnasberg 80 – 20359 Hamburg). Der Eintritt ist frei (Spende für die Kirche erbeten)
  • Konrad Lorenz und Hafennacht „TRESENKÖNIGIN oder die erste Liebe auf St.Pauli“. Musical-Uraufführung als einstündiger Wettbewerbsbeitrag am: 13. Oktober um 15 Uhr im: Schmidt-Theater (Spielbudenplatz 24-25, 20359 Hamburg). Kartenvorverkauf hier

Weiter Infos und Lesetermine auf der Internetpräsenz des Autors

Rohrkrepierer und Dwarsläufer als Ebook oder Printausgabe

Einen schönen Bericht über Konrad Lorenz und seine Tätigkeiten rund um den „Rohrkrepierer“ findet ihr hier.

Bilder: © Konrad Lorenz

2 comments

  1. Vera Plinz says:

    Hallo Herr Lorenzen,

    meine Freundin und ich sind schon ganz gespannt auf die Lesung in der St. Pauli Kirche. Die Zeihnungen sind Spitze. Jeder Strich sitzt!
    Ich könnte mir vorstellen, auch das neue Musical am 13.10.2015 an zu sehen.

    Bis bald
    Vera Plinz

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